Wie findet der Mensch zu seiner Reife und Bestimmung?

Eine neue Entwicklungsstufe in unserer kulturellen Evolution

Eine Einladung zu Begegnung
Burkhard Zeunert



Im Folgenden möchte ich zur Entwicklung einer neuen Alterskultur einladen; hierzu nehme ich eine Art Standortbestimmung der menschlichen Entwicklung in der gegenwärtigen Weltlage vor.  Ich beziehe mich dabei u. a. auf die Vorlesung von Prof. Dr. Welsch (WS 2005/6), der unsere Entwicklung zum heutigen Menschen als Ergebnis von drei aufeinander aufbauenden Evolutionsstufen darlegt: der kosmischen, der biotischen und der kulturellen Evolution.
Die moderne Wissenschaft macht deutlich, dass die gesamte Evolution vom Urbeginn an erforderlich war, um Wesen wie uns ins Leben treten lassen zu können; Entsprechendes gilt natürlich in gleicher Weise auch für alle anderen Ausdrucksformen gegenwärtigen Lebens.  Alles gegenwärtige Leben in seiner Formenvielfalt ist nur von der gesamten voraufgegangen Entwicklung her zu verstehen.  Die jeweiligen „Weiterentwicklungen“ wurden im Genom gespeichert und an die Folgegeneration „vererbt“.  Die Vererbung ist die entscheidende Form der biotischen Evolution.
Auch bei der Zeugung eines Menschen entsteht auf dem Wege der genetischen Vererbung ein bis dato einmaliges Lebewesen, das in der Phase seiner Heranreifung im Mutterleib (Ontogenese) noch einmal alle Stufen seiner Stammesgeschichte (Phylogenese) durchläuft, d.h., auf diese Weise wird dem werdenden Wesen ein „somatisches Gedächtnis“ seiner „Herkunft“ beigegeben, auf das es in allen späteren Lebenssituationen intuitiv zurückgreifen kann.  Hierin könnte auch die „Begabung“ zur Spiritualität liegen, unser tiefes Wissen, dass alles mit allem verbunden ist.
In der entscheidenden protokulturellen Phase, die der Mensch als „Homo erectus“ mit seinen nächsten Verwandten teilte, wurden auf der biologischen Ebene im Wechselspiel von Weiterentwicklung des bereits vorhandenen Erfolgsmodells „Gehirn“ zu einem Hochleistungsgehirn und der Auseinandersetzung mit seiner soziokulturellen Umwelt die genetischen Voraussetzungen für diese Entwicklung zum heutigen „Homo sapiens“ geschaffen.
Dieser Prozess schaukelte sich wechselseitig auf, führte zu einer völligen Umstrukturierung des Gehirns, bei der es im Vergleich zu den Schimpansen beim Menschen zu einer funktionellen Verteilungsumkehrung kam: nur 10% außenorientiert und 90% selbstreflexiv.Gleichzeitig verdreifachte „Homo sapiens“ im Laufe dieses Prozesses sein Gehirnvolumen.
So entstand für die werdenden Mütter das anatomische Problem, ihre Kinder weiterhin im Mutterleib voll ausreifen zu lassen und sie mit den größer werdenden Köpfen durch den Geburtskanal ins Leben zu entlassen.
Bald reichte auch die Vergrößerung des Beckens nicht mehr aus; sie mussten ihre Kinder  in einem früheren Entwicklungsstadium, „unausgereift“ zur Welt bringen.  Der „take off“ (Welsch) zu einer neuen Evolutionsstufe, zur „kulturellen Evolution“, war damit irreversibel für den Menschen erreicht!
Seither benötigen wir Menschen, anders als unsere stammesgeschichtlich nächststehenden Verwandten, eine soziokulturelle Umwelt mit besonderer Schutzstruktur, um unsere Kinder zu lebensfähigen, selbständigen Persönlichkeiten heranreifen zu lassen.
Anders als frühere Anthropologen oft meinten, ist der Mensch im Vergleich zu seinen nächsten Verwandten kein Mängelwesen, denn gerade die „Höher- und Weiterentwicklung“ ist der Grund für seine vorverlegte Geburt, verbunden mit der Notwendigkeit zur kulturellen Entwicklung.  So wurde ein neuer Weg einer „Vererbung“ generiert.  Der langsame, nachhaltige Weg der genetischen Informationsweitergabe hatte den Menschen mit allen wesentlichen Grundmöglichkeiten ausgestattet; die Weiterentwicklung des „Homo sapiens“ geschah fortan vor allem auf der Stufe der „kulturellen Evolution“!
Sind Tiere durch ihre genetische Festlegung und Instinktgebundenheit viel früher selbständig und überlebensfähig, so reift der Mensch erst in der nachgeburtlichen Phase, im sozialen Mutterschoß und in der „Schule“, zum erwachsenen Menschen heran.  Das aber heißt: Das für menschliches  Überleben wichtige Verhalten und Wissen wird nicht allein genetisch, sondern vornehmlich „kulturell vererbt“, und eben dafür braucht der Mensch dieses völlig anders gestaltete Gehirn und sehr viel Zeit.
Von seiner genetischen Ausstattung her hält die moderne Wissenschaft für den Menschen in unserer Epoche eine Lebenszeit von 120 Jahren für möglich.  Zumal in den Wohlstandsgesellschaften des Nordens steigt die Lebenserwartung für uns „kulturelle Lebewesen“ rapide an.  Das hat sicherlich mehrere Gründe. Die gestiegene Lebenserwartung deutet an, dass der Mensch durch die Internalisierung und konstruktive Auswertung seiner „Kulturgeschichte“  nunmehr an der Schwelle steht, in die Lebensphase seiner möglichen „Reifung“ einzutreten.
Er könnte - verstünde er sich als „Holon“ im Zusammenklang mit allem Leben um sich herum - das werden, wozu er von seinen Möglichkeiten her angelegt ist, gerade zu einem Zeitpunkt, in dem er sich durch Entfremdung und Außerachtlassung seiner Spiritualität an den Rand seiner Selbstvernichtung gebracht hat.  Ein „Holon“ ist ein in sich vollkommenes Ganzes, das auf ein größeres Ganzes hin offen ist.
Nimmt man diese Einsichten ernst und betrachtet daraufhin die jüngste Geschichte, so kann man zu äußerst interessanten Entdeckungen kommen.
Im Vergleich zu den Menschenaffen ist die Phase der „Kindheit“ und Jugend wesentlich länger: Wir Menschen behalten über Jahrzehnte unser „kindliches“ Gesicht, die Neugier und den Spieltrieb.
Obwohl die körperliche Pubertät immer früher eintritt, so verlängert sich die seelische Pubertät bis ans Ende der zwanziger Jahre und dies umso mehr, je „höher gebildet“ die „Kinder“ sind.  Die Ausbildungs- und Studienzeit reicht bei höher qualifizierten Absolventen in die dreißiger Jahre, so dass in unserer derzeitigen Gesellschaft vor allem für Frauen, die sich in ihren Berufsfeldern erproben und bewähren wollen, die biologische Uhr Entscheidungsstress verursacht.
Wie rapide diese Umbruchsphase in den letzten 150 Jahren unserer menschlichen Evolution ist, lässt sich am besten an der Bevölkerungsexplosion erkennen (1865: 1 Milliarde, heute 6,5 Milliarden). Wir müssen uns klarmachen, dass die Älteren unter uns diese Veränderungen miterleben konnten und sich an den Wandel der letzten 100 Jahre durch die Erzählungen und Bilder der eigenen Eltern kognitiv und emotional erinnern können.
Im Vergleich zu unserer heutigen Umwelt zeigen uns alte Fotos eine andere versunkene Welt, andere Menschen und Gesichter.  Schauen wir Einschulungs- oder Konfirmationsfotos des beginnenden 20. Jahrhunderts an, so sehen die Kinder von damals wie kleine Erwachsene aus, ihre Eltern - je ärmer sie waren - schon mit 50 Jahren dunkel gekleidet, vom Leben gezeichnete Gesichter, von harter Arbeit gebeugt.  Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann die Elektrifizierung; meist war nur ein Zimmer geheizt.  Kuh- oder Pferdegespanne bestimmten die Dorfstraßen.  Daran änderte sich in manchen, zumal ländlichen Regionen bis in die 50er Jahre nicht viel.
Für den größten Teil der „Kinder“ endete in der Nachkriegszeit spätestens mit dem Abschluss der „Volksschule“ mit 14 Jahren die Kindheit.  Mit der Lehre begann der so genannte Ernst des Lebens; Mithilfe zuhause und Mitarbeit der Kinder gab es für viele schon während der Schulzeit. - War doch die allgemeine Schulpflicht erst eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts.
Bis dahin geschah die „kulturelle Vererbung“ meist in der Ursprungsfamilie und ihrem Milieu.  Die Kinder gingen bei den Eltern oder Nachbarn in die Lehre, schauten sich das Notwendige zum Leben bei ihnen ab. - Das änderte sich für die Gesellschaft erst durch die allgemeine Schulpflicht und die Industrialisierung, vornehmlich für die Jungen.  Noch Anfang der 60er Jahre war das Studium nur einem kleinen Teil (5%) der Gesellschaft - der so genannten Elite - vorbehalten.
Erst die Diskussionen im Laufe der 60er Jahre im Zusammenhang mit der Bildungsreform machten damals der „Gesellschaft“ bewusst, dass Bildung, nicht nur Ausbildung, sondern ein menschliches Grundrecht - für Männer und Frauen - ist, eine Notwendigkeit, die dem Menschen erst ermöglicht, Mensch zu werden; heute würde ich sagen, sein geistiges Erbe auf dem Wege der „kulturellen Evolution“ erst antreten zu können und in sein eigenes Leben zu integrieren.
Auch heute noch prägen die unterschiedlichen Schultypen den „Reifeprozess“ der jungen Menschen.  Untersuchungen haben ergeben, dass die Lehrpläne von Hauptschülern früher und stärker mit dem rauen Lebensalltag konfrontieren und so die Einstellungen der Schüler realitätsbezogener sind als die der Realschüler und erst recht der Gymnasiasten.
Das Thema Chancengleichheit - zumal für Migrantenkinder - wird von der UNESCO - gerade auch für Deutschland - immer noch angemahnt.
Gleichzeitig müsste man sich kritisch fragen, ob der lange Schul- und Studienweg die heranwachsenden Menschen nicht auch künstlich „infantilisiert“, oft zu einer ungesunden Versorgungs- und Anspruchshaltung, ja Lebensfremdheit führt und den Berufseinstieg erschwert. - Auf Grund eigener Berufserfahrung studieren Menschen auf dem zweiten Bildungsweg anders: effizienter, mit einer anderen inneren Einstellung.
Es ist höchste Zeit, dass unsere Gesellschaft angesichts der wachsenden äußeren Herausforderungen die Rahmenbedingungen für „Bildung“ als Instrument „kultureller Vererbung“ - sowohl als Befähigung zur Lebensgestaltung und Ausbildung für immer komplexere Berufsanforderungen als auch zur Überlebensfähigkeit der Menschheit - in den Mittelpunkt ihrer politischen Konzepte stellt, denn die Befähigung der „Gehirne“ wird über unsere Zukunftsfähigkeit entscheiden!
Eine andere Folge der Bildungsreformdebatte der 60er Jahre war eine massive „Selbsterfahrungswelle“ mit dem Aufbau von unzähligen Beratungsstellen.  Im Gefolge wandelte sich auch die Psychologie - gut an Horst Eberhard Richters Büchern zu verfolgen -, integrierte das Wissen der Sozialwissenschaften, gelangte über die humanistische Psychologie zu einem ganzheitlichen Menschenbild und öffnete sich ökologischen und spirituellen Sichtweisen.
Zugleich wurde in den 60er Jahren die Arbeitswelt durch die Automation revolutioniert, viel radikaler als bei der maschinellen Revolution des 19. Jahrhunderts.  Binnen kürzester Zeit musste sich der „Homo faber“ in seiner gesellschaftlichen Rolle neu erfinden.  Um diese Folgen zu bewältigen, war wiederum ein hohes Bildungsniveau der Gesellschaft gefragt.
Die Anforderungen der Arbeitsplätze führten zu Bewegungsarmut, so dass die über Jahrtausende entwickelte genetische Grundausstattung des Menschen für den Überlebenskampf, die Fähigkeit zu schwerer körperlicher Arbeit, nicht mehr gefragt war.  Der genetisch kontrollierte körperliche Umbau kam dem gesellschaftlichen Umbau (flexible, kulturelle Evolutionsstufe) nicht so schnell nach und führte zu den uns bekannten Zivilisationskrankheiten (Herzkreislauferkrankungen, Stressphänomene, Übergewicht und Rückenschmerzen durch Bewegungsarmut) und den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen.
Gleichzeitig verursachte die damalige Wachstumsideologie in vielen Bereichen einen Übergang vom linearen zum exponentiellen Wachstum, für dessen Folgen uns Menschen, jedenfalls z.Z. noch, das Vorstellungsvermögen fehlt; es begann das Zeitalter des „Rapidismus“, das durch seine ungewollten Nebenwirkungen zugleich auch die „kulturelle Vererbung“ unter Zeitdruck setzte.
In immer kürzeren Zeitspannen kommt es zu Wissensverdoppelungen, die in einer materialistischen Grundhaltung oft naiv und verantwortungslos kurzfristiger Vorteilsnahme umgesetzt werden und so unsere heutige, globale Welt an den Rand des ökologischen Kollaps und brutaler Verteilungskämpfe bringen.
Für jeden vernünftigen Menschen ist es offenkundig, dass diese materialistische Wachstumsideologie jedweder Prägung (ob privat- oder staatskapitalistisch) die Menschheit und große Teile des Ökosystems ins Chaos stürzt.
In der Industrie werden fehlerträchtige oder überholte  Problemlösungswege und Fertigungsweisen  selbstverständlich ersetzt.  Um wie viel mehr muss diese Maxime für falsche Grundeinstellungen dem Leben gegenüber gelten!
Wir brauchen eine neue innere Haltung, um angemessene Problemlösungen zu finden, nicht nur in lokalen Bereichen, sondern auch global!
Dabei können vorbildliche Gesellschaften wie z. B. Deutschland und das Integrationsmodell der EU als Lösungsmodell für globale Problemlösungen herangezogen werden.  Hier verweise ich auf den „Global Marshall-Plan“, den Franz-Josef Radermacher maßgeblich entwickelt hat und der die menschliche Gesellschaft in der gegenwärtigen Phase der Globalisierung vor der Entscheidung zwischen Balance oder Zerstörung sieht.
Der Mensch ist mit Spontaneität begabt, das heißt, er hat die Fähigkeit, für alte Konflikte neue und für gegenwärtige Probleme angemessene Lösungen zu entwickeln und diese mit Hilfe seiner Kreativität auch umzusetzen (J. L. Moreno).
In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Rapidismus und Globalisierung in der westlich aufgeklärten, industrialisierten Welt ihren Ursprung nahmen und daher hier die Notwendigkeit eines neuen Paradigmenwechsels innerhalb der kulturellen Evolutionsstufe auch am dringendsten sichtbar wird.
Während in den meisten anderen Kulturbereichen, vor allem aber den fernöstlichen, die „kulturelle Vererbung“ noch länger ungebrochen durch religiöse Traditionen und Riten kollektiv gewährleistet und durch spirituelle Übungen von den Einzelnen übernommen wurde, so lösen die Folgen des „Turbokapitalismus“ im industrialisierten Norden die Notwendigkeit zu einem abermaligen Aufbruch, zu einer „spirituellen Evolution“ aus.  Nur so werden wir die Turbulenzen und Krisen dieser Epoche meistern können.
Die zunehmende Fülle der Informations- und Entscheidungsflut aus einer Haltung gnadenloser, kurzfristiger Vorteilsnahme wird - zumal auf dem Hintergrund der Wachstumsideologie - alle Beteiligten innerhalb weniger Jahrzehnte in den Bereichen Ökologie, Ökonomie und Politik überfordern und ins Chaos stürzen.
Durch den „Welthandel“ und spätestens über die Medien hat die Globalisierung in der Horrorgestalt des neoliberalen Turbokapitalismus alle Winkel unserer Erde erreicht, so dass nur noch die Frage bleibt, ob es uns Menschen gelingt, nach einer Phase kurzsichtiger Egoismen und Machtpolitik innezuhalten, unsere Vernunft zu gebrauchen und die Globalisierung umwelt- und menschen-verträglich zu gestalten.  Dieses wird auch vom Bundespräsidenten Horst Köhler gefordert!
Auf den unterschiedlichsten Ebenen sind wir auf die Grenzen ungezügelten Wachstums auf Kosten des Ganzen gestoßen: Bevölkerungswachstum, Konsumverhalten, Rohstoffvergeudung, Umweltbelastung, Klimakatastrophe, Gentechnologie, Machtansprüche totalitärer oder fundamentalistischer Regime.  Diese Entwicklungsphase des Turbokapitalismus wird treffend durch das Bild des Krebsgeschwürs symbolisiert: hemmungsloses Wachstum auf Kosten des gesamten Organismus!
Wir alle können beim Autofahren erleben, dass uns die Straßen bei zunehmender Geschwindigkeit immer enger vorkommen und schon der kleinste Fahrfehler, zumal in Kurven, unabsehbare Folgen haben kann.  Dementsprechend können wir es uns nicht leisten, unseren Blick nur auf die jeweils nächsten Meter zu richten.  Je schneller wir fahren, desto weiter müssen wir nach vorne schauen und bei unübersichtlicher, kurvenreicher Strecke den Fuß vom Gaspedal nehmen!
Entschleunigung ist auf allen Gebieten angesagt!
Die „kulturelle Evolution“ kann auf die bisherige Weise das Überleben der Menschheit nicht mehr nachhaltig gewährleisten; sie muss eine neue Entwicklungsstufe des Menschen generieren, um die Möglichkeiten und Herausforderungen der „kulturellen Evolution“ zu bewältigen.  Sie steht vor einem neuen Paradigmenwechsel hin zur „spirituellen Evolution“.
Wie bei den früheren Übergängen sind die Voraussetzungen hierfür in der gegenwärtigen Evolutionsphase schon angelegt; in unserer Zeit aber erzwingt die Dynamik der „kulturellen Evolution“ den „take off“ zu einer neuen Stufe der Gewährleistung menschlichen Lebens!
In unseren Gesellschaften muss eine neue geistige Haltung entwickelt und weitergegeben werden, die alte Ideologien und eigene kurzfristige Vorteile loslassen kann, um die selbst geschaffenen Stufen der Entfremdung zu überwinden.  Hierbei wird es wichtig sein, das eigene Selbstverständnis von der Warte des außermenschlichen Lebens her neu zu definieren und sich so als „Holon“, als spirituelles Wesen zu begreifen.
Wir müssen gegenüber den laufenden Entwicklungen zu einer neuen geistigen Einstellung kommen, wenn wir die positiven Möglichkeiten unserer Epoche erleben wollen, die Verheißung einer neuen Alterskultur, die den Menschen in den Lebensabschnitt seiner „Reifung“ bis zu seinen (physisch) möglichen 120 Jahren bewusst und in Würde eintreten lässt, umwelt- und sozialverträglich, weise und fähig, die Welt den Kindern zu erhalten.  Dann wird diesen „reifen Menschen“ die verantwortliche Aufgabe zukommen, die erforderliche „Überlebenskultur und Spiritualität“ den Heranwachsenden zu übermitteln, zu „vererben“.
Die Menschheit ist der gegenwärtig herrschenden Geisteshaltung nicht ohnmächtig ausgeliefert.  Wenn wir begriffen haben, dass es sich um eine zeitlich dringende Frage des Überlebens handelt und wir den wahren Ernst der Situation erkennen, werden wir vielleicht auch die notwendigen Energien in uns mobilisieren, die zum Ausstieg aus diesem menschengeschaffenen Irrweg des kapitalistischen Materialismus erforderlich sind.  Der entscheidende Schritt ist die bewusste Änderung der eigenen inneren Haltung sich selbst und der Welt gegenüber.
Jeder, der einmal den großen Bluff des kapitalistischen Machtpokers als „Null-Summen-Spiel“ (Hans-Peter Dürr) durchschaut hat, kann schon jetzt auch als einzelner aus diesem tödlichen Spiel aussteigen und z.B. sein Geld anderweitig wirkungsvoll in zukunftsträchtige Projekte eines gerechteren Welthandels einsetzen (eine Welthandel, Global Marshall-Plan, fairPla.net oder andere, konkrete Entwicklungsprojekte, in Ökofonds bei „ethischen Banken“ oder in lokale Bürgerprojekte).  In diesen Zusammenhang gehört auch eine bewusste Verbraucherpolitik.  Auf diese Instrumente reagiert der „Marktfundamentalismus“ eher als auf moralische Appelle; hierbei sind der kreativen Intelligenz keine Grenzen gesetzt bis hin zum gezielten, zeitweisen Boykott einzelner Global Player.
Durch die Möglichkeiten moderner Informatik und Kommunikationssysteme haben wir sogar die Chance, verlorene Zeit im Überlebenswettlauf wieder gut zu machen.
Viele spirituelle Leitfiguren unserer Zeit - so auch Willigis Jäger, Thich Nhat Hanh, Ken Wilber, Hans Küng oder der Dalai Lama - meinen, dass wir aufbauend auf den mystischen Traditionen der Menschheit uns zu einer neuen Spiritualität weiterentwickeln und dabei zu neuer Toleranz und Verantwortungsbereitschaft gelangen werden.  Das wird eine qualitative Veränderung des Menschen auf dem Hintergrund seiner Kulturgeschichte sein.
Der entscheidende Schritt ist jedoch die bewusste Änderung der inneren Bewusstseinshaltung sich selbst und der Welt gegenüber.  Die Erde ist dann nicht mehr etwas, was mir untergeordnet ist, außerhalb von mir, über das ich beliebig verfügen kann; vielmehr gehöre ich zur Erde!
In der spirituellen Haltung erfasse ich intuitiv, dass ich zum Ganzen des Lebens hinzugehöre und  mich dem Ganzen verdanke.  Wir versuchen, diese überwältigende Erfahrung mit Worten wie „Gott“ als Urgrund allen Lebens, als „erster Wirklichkeit“, als „Schöpfer“ und seiner „Schöpfung“ einander zu vermitteln.
Wenn ich abends im Tal zum Sternenhimmel schaue, kann ich erahnen, dass ich zum gesamten Kosmos gehöre und meine Lebenswurzeln in den kosmischen Urbeginn hineinreichen:  92% der interstellaren Teilchen (Welsch) sind in mir heute präsent!  So kann ich voller Demut sagen: „Ich bin so alt wie Ihr!“, um morgens vor einem aufblühenden Gänseblümchen staunend das Wunder des Lebens ahnend zu spüren und zu sagen: „Ich bin so jung wie Du!  Ich fühle mich wie neu geschaffen.“
Die Evolution hat unendlich viel aufgewandt, um uns als Menschen ins Leben treten und durch unsere Spontaneität und Kreativität neue Möglichkeiten des Lebens Gestalt annehmen zu lassen.  Diese Möglichkeiten lassen uns Menschen zu dem reifen, was im Urgrund schon immer angelegt ist.  Der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr bezeichnet einen solchen Vorgang von seiner Struktur her als „Plus-Summen-Spiel“, das die Grundstruktur der Evolution darstellt.
So hat der Mensch am Scheideweg seiner Geschichte die Möglichkeit seiner eigenen Selbstzerstörung, aber eben auch die Chance zu einem evolutionären „take off“ hin zur Entwicklung seiner Spiritualität im Einklang mit der Lebensumwelt.
Diese Entwicklung ist ähnlich riskant wie beim Eintritt in die kulturelle Evolutionsphase, als sich die Frage stellte: Wie lassen sich diese Menschenkinder mit ihren vergrößerten Gehirnen zur Welt bringen?  Damals gab es das körperliche Problem: Wie passen die größeren Köpfe durch den Geburtskanal.  Heute stellt sich die Frage, wie passt ein neues, spirituelles Denken in die alten egozentrischen Köpfe!
Sollte diese neue „Geburt“ gelingen, so hätten wir nicht nur die Chance gewahrt, als Menschheit in der Evolution zu überleben, sondern auch im Rahmen unserer je eigenen Lebenszeit den demographischen Wandel als Chance zur Entwicklung einer neuen „Alterskultur“ zu gestalten! - Die christliche Tradition kennt dieses Thema: „Wir müssen wiedergeboren werden zu einer lebendigen Hoffnung!“ Die Begegnung von Nikodemus mit Jesus zeigt uns die Schwierigkeiten:  Niemand kann so handeln wie Jesus, „es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde“ (Joh. 3,3 ff).   Nikodemus: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er schon alt ist?“ - Jesu Antwort: „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.  Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist.“
Machen wir uns noch einmal bewusst:  Die genetische Ausstattung des Menschen aus der „biotischen Evolution“ von vor 40.000 Jahren reichte im Wesentlichen aus, um die Herausforderungen und neuen Entwicklungen der „kulturellen Evolution“ zu ermöglichen und zu tragen.  Sie enthält sogar noch unausgeschöpfte Potentiale, die wir in unserer Generation auf Grund der soziokulturellen Entwicklung neu erschließen können: Lebensphasen jenseits der Erwerbswirtschaft!
Franz-Josef Radermacher stellt dar, dass es keine Katastrophe, sondern Zeichen einer wohlhabenden Gesellschaft ist, wenn sich die Bevölkerungsstruktur von dem Bild einer Pyramide in das eines Pilzes umzuwandeln beginnt.  Die Gesamtgesellschaft muss sich nur neu strukturieren.
Angenommen, die Menschen würden wirklich einmal 140 Jahre alt, dann müssten eben die 110-jährigen die 140-jährigen pflegen; könnten sie es nicht, so würden sie auch nicht 140 Jahre alt werden!  Die 70-jährigen wären so fit, dass sie sich mehr zutrauen würden als viele Jüngere heute (vgl. Konzept der Bürgerhilfe).  In einer Sechsgenerationengesellschaft braucht man dann auch nur noch ein Sechstel der bisherigen Kinderzahl.  Auch hier müssen wir uns von der gegenwärtigen Wachstumsideologie lösen, zumal die Bevölkerungsexplosion das zentrale Problem ist.
Reiche Gesellschaften wie die unsere müssen nach innen und außen auf gerechte Verteilung des Bruttosozialproduktes drängen, um ruinöse Verteilungskämpfe im eigenen Land oder in der Welt zu vermeiden.
Neben den technischen Erfindungen im Bereich der Umwelttechnik wird es aber mindestens ebenso wichtig sein, eine neue Kultur des Alters zu „erfinden“ und sich der weltweiten Vorreiterrolle bei dieser „Erfindung“ bewusst zu werden.
In unserer globalisierten Welt hängt alles miteinander zusammen, im Guten wie im Schlechten!  Die von allen Regierungen beschlossenen Entwicklungsziele bis 2015 (realisierbar mit 1% des weltweiten Bruttosozialproduktes) und der Global Marshall-Plan zeigen konkrete Wege und Möglichkeiten zum rettenden Umsteuern auf.  Wir müssen uns nur als eine Menschheit auf einer begrenzten Erde verstehen lernen.  Das wäre z.B. eine konkrete Folge einer spirituellen Grundhaltung!
Dasselbe gilt dann auch für innergesellschaftliche Prozesse:
In den letzten Jahren ist das Bruttosozialprodukt der entwickelten Gesellschaften gewachsen, nur bei der Frage einer gerechten Verteilung haben wir gesellschaftliche Rückschritte gemacht: die 20% „Reichen“ in Deutschland wurden immer reicher, und den restlichen 80% wurden sogar Kürzungen zugemutet.
Um den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft zu wahren und als Ganzes leistungsfähig zu bleiben, muss dem Globalisierungsdruck mit einer Doppelstrategie begegnet werden (s. im Einzelnen: Radermacher); nur so wird es nicht zu einem Gegeneinander, sondern konstruktiven Miteinander der Generationen kommen können.  Die unterschiedlichen Aufgaben und Rollen in der Gesellschaft müssen jenseits der überholten Wachstumsideologie im Konsens neu und gerecht verteilt und bewertet werden. Wir fördern unsere Demokratie, indem wir eine neue Zivilgesellschaft aufbauen, in der jede Lebensphase ihren angemessenen Wert und ihre Bedeutung für das Ganze zuerkannt bekommt.
Mit Modellen wie dem der „Bürgerhilfe“, d.h. geldfreie Hilfen auf Gegenseitigkeit, wird der Versuch unternommen, zu einem neuartigen Miteinander auf der Basis getauschter Lebenszeit zu kommen.  Daneben gibt es natürlich noch viele Traditionen ehrenamtlicher Tätigkeit, ebenso das christliche Bild vom Leib und seinen Gliedern mit Gaben und Begabungen.
Darum wird es erforderlich sein, weltweit den Schatz der unterschiedlichen kulturellen Traditionen würdigend zu befragen, um auf der demographischen Entwicklung einer älter werdenden Gesellschaft eine neue Kultur des Alters als Stufe der Reifung zu entwickeln, auf die man gerne hin lebt, um in Würde alt zu werden und sein Leben in Frieden beenden zu können.
Es ist aufregend und herausfordernd wahrzunehmen, in welch entscheidender Phase der Evolution unserer Menschheitsgeschichte wir uns befinden, welch ein unerwartetes Geschenk uns in den Schoß gelegt wird, indem wir als erste Menschengeneration im Mittel 30 Jahre jenseits der Erwerbswirtschaft relativ gesund und wirtschaftlich weitgehend gesichert erleben dürfen.  Damit haben wir als erste gesellschaftliche Generation die Möglichkeit und zugleich die Aufgabe zu unserer Reifung als Menschen.  Für einzelne Menschen war dies immer schon auf Grund besonderer Lebensumstände möglich, vergleichbar den 5% der Gesellschaft, denen auch Studium und allgemeine Bildung offen standen.
Ähnlich wie in den 60er Jahren die Erkenntnis, dass Bildung ein Grundrecht aller Menschen ist, einen gesellschaftlichen Entwicklungsschub in Richtung einer neuen Zivilgesellschaft freisetzte, so wird ein Grundrecht auf ein würdiges, selbstbestimmtes Alter die Möglichkeit zu einem neuen „take off“ für die Reifungsphase der Menschheit zu spirituellen Wesen und zur Umwandlung der gesamten Gesellschaft geben.
Wenn es gelingen sollte, uns vom kapitalistischen Menschenbild mit seinen entfremdeten „Um-zu-Strukturen“ zu befreien und uns vom „Jugendwahn“ und der „Ellbogengesellschaft“ zu verabschieden, dann könnte vielleicht der Blick auf den ganzen menschlichen Lebensbogen wieder frei werden, so dass jede Lebensphase ihren Möglichkeiten entsprechend neue Gestaltungsräume erhält und dennoch auf das Ganze bezogen bleibt.
Es ist nicht hinnehmbar, dass heute in den Stellenausschreibungen fast nur Menschen bis zu 40 Jahren gesucht werden und Arbeitnehmer ab 45 Jahren um ihren Arbeitplatz bangen, aber dennoch bis zu 67 Jahren arbeiten sollen.  Wir müssen andere Arbeitsplätze und andere Zeitdeputate schaffen.  Die Investitionen in die Bildung der Menschen sind hoch (nach Radermacher z.Z. im Schnitt 130.000 € pro Person), zu hoch, als dass die Gesellschaft zulassen könnte, dass die Menschen in so kurzer Lebenszeit durch (dem Maschinentakt angepassten) Arbeitsstress verschlissen werden, um dann für den länger werdenden Rest des Lebens depressiv und freudlos dem Gesundheitssystem zur Last zu fallen.  Eine solche Wirtschaftsweise ist menschenunwürdig und zugleich unrentabel!
Wir benötigen in einer postkapitalistischen Gesellschaft eine neue Arbeits- und Alterskultur.  Ein selbstbestimmtes, angesehenes Alter und ein menschenwürdiges Sterben sind das Ziel des menschlichen Lebens.  Vorangehende Lebensphasen dürfen dieses nicht gefährden!  Dazu brauchen wir mehr Bildung und eine neue, spirituelle Lebenseinstellung!
Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts veränderte grundlegend die Familienstruktur, weg von der bäuerlichen Großfamilie, hin zur Kleinfamilie.  Mit wachsendem Wohlstand sank die Geburtenrate, aber die Lebenserwartung stieg.  Das ist gut so, denn zu viele Menschen hält die Erde nicht aus!
 Um sich der Brisanz der Bevölkerungsexplosion bewusst zu werden, kann die Tatsache dienen, dass gegenwärtig mehr Menschen auf unserer Erde leben als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor!
Durch das „Fernsehen“ wurden die Vielen zu Zeitgenossen.  Die Globalisierung ließ die unterschiedlichsten menschlichen Gesellschaften in handelnden Kontakt miteinander kommen.  Wann erwacht dieser handelnde „Organismus Menschheit“ zur klaren Bewusstheit seiner Einheit?  Ab wann lernt jeder Einzelne als „Zelle“, die den Gesamtbauplan in sich enthält und daher um alles zutiefst weiß, seinen angemessenen Platz im „Organismus der Menschheit“ zu suchen, je nach seiner besonderen Begabung, empathisch und in verantwortungsvoller Beziehung zum „Organismus Erde“? - Die Energien dazu liegen in unserer Ahnung um die Verbundenheit mit dem Urgrund allen Lebens!
Wir müssen uns von der Wachstumsideologie (sie denkt nur quantitativ) verabschieden und uns zu einem qualitativen Wachstum hin entwickeln.  Mehr „Sein“ als „Haben“ ist angesagt.  Unsere Altersgeneration jenseits der Erwerbswirtschaft ist dazu aufgerufen, menschenwürdige und tragfähige Modelle zu entwickeln, in denen der älter werdende Mensch Subjekt seines Lebens bleiben kann.
Fragt man die Menschen, so wollen nur wenige von uns einmal in einem Senioren- oder Pflegeheim ihren Lebensabend verbringen, - ich auch nicht!  Deshalb suche ich nach neuen Wegen und habe die „Weg-Gemeinschaft im Alter“ als Modell entworfen.  Dieses solidarische Modell könnte ein Beitrag zu einer neuen Alterskultur sein: Jeder der Beteiligten wird in seinem eigenen Wohnumfeld weiterleben können und zugleich sozial Tür an Tür wohnen.
Hier nur einige Grundzüge dieses Modells; der ausführliche Entwurf ist im Anhang zu finden: Etwa 6 bis 12 Personen schließen sich zu einer „Weg-Gemeinschaft“ zusammen, legen jeweils, je nach Alter festgelegte Beiträge privat zurück, die dann, wenn eines der Mitglieder unterstützungsbedürftig wird, auf ein gemeinsames Konto überwiesen werden, um eine Pflegekraft einzustellen.  Die eingesparten Heimkosten fließen zu einem großen Teil in die Finanzierung von Pflegekräften ein.  Hinzu soll eine kommunale Förderung, z.B. aus Geldern des europäischen LEADER-Programms oder dergleichen kommen.
Alle Beteiligten gewinnen mit diesem Modell an Lebensqualität; ein jeder behält seine Freunde und seine Lebensgestaltungsmöglichkeiten.  Die bange Frage: „Wann muss ich aus meinen liebgewordnen vier Wänden ausziehen“ wirft nicht mehr lange Schatten in die Gegenwart.  Die Verbindlichkeit der „Weg-Gemeinschaft“ lässt jeden mit mehr Hoffnung in die Zukunft schauen.
Alle gewinnen bei diesem Projekt an Lebensqualität, auch die Kommune und die jeweiligen Nachbarschaften, denn weder die „lebendigen Gedächtnisse“ noch die Wirtschaftskraft wandern altersbedingt ab.
In Zukunft werden reife Menschen der Schatz einer Gesellschaft sein, wichtig und unersetzlich für den neuen, spirituellen Weg der  kulturellen Vererbung!
Sie werden das Überleben der Menschheit ermöglichen!

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Impressum: Burkhard Zeunert, Oberlinspher Mühle, 59969 Bromskirchen, Telefon: 02984–919265, Fax: –9199877,
eMail: info@weg-gemeinschaft-im-alter.de Internet: www.weg-gemeinschaft-im-alter.de