Jenseits der Erwerbswirtschaft

Eine Einladung zur Diskussion über einen Paradigmenwechsel in den „Alterssicherungssystemen“
Burkhard Zeunert

Kurzanalyse:

Dass die bisherige Gestaltung und Finanzierung der Renten-, Gesundheits- und Pflegeversicherungen so nicht mehr durchzuhalten ist, wird von Jahr zu Jahr durch die demographische Entwicklung unübersehbar.

Seit in den 60er Jahren durch Rationalisierungs- und Automatisierungsprozesse in der Industrie bei wachsender Produktivität immer mehr Arbeitsplätze abgebaut wurden, mussten immer weniger Arbeitnehmer die Sozialversicherungslasten der Gesamtgesellschaft tragen. Allerseits wurde über die steigenden Lohnnebenkosten gejammert, aber der Industrie - und damit auch der Politik - war die Flickschusterei am veralteten Finanzierungssystem lieber als ein angemessener Paradigmenwechsel in der Finanzierung, die an das immer weiter wachsende Bruttosozialprodukt und damit eben an die Gewinne gekoppelt würde.

Während die Industrielobby immer einflussreicher wurde, schliefen die Verantwortlichen des Staates und ließen sich noch obendrein in der zunehmend verlogener und damit lauter werdenden „Standort - Deutschland - Debatte" von der Wirtschaft weitere Strukturvorteile ohne bindende Gegenleistungen in der Arbeitsmarktpolitik abmarkten.

Dabei ging die Verteilungsschere seit R. Reagans Liberalisierung der Weltmärkte, und dann erst recht seit der politisch unterschätzten Liberalisierung der Kapitalmärkte immer weiter auseinander und verlieh der an sich positiven Globalisierung eine Menschen verachtende Wirkung. Die Ausbreitung neoliberaler Geldvermehrungsstrategien höhlte alle früheren gesellschaftlichen Spielregeln und Grundwerte einer sozialen Marktwirtschaft aus.

Baute früher unternehmerisches Denken auf solides und reales Wirtschaftswachstum, so nimmt heute der Einfluss der Banken zumal in Aktiengesellschaften immer mehr zu; hier geht es vorrangig nur noch um reine Geldvermehrung der Geldanleger - oft um jeden Preis, d.h. auf Kosten von Belegschaften und Nationalstaaten. Die Verantwortungsebenen wurden unter der Hand verschoben vom Gegenüber der Gesamtbevölkerung hin zu einer kleinen Gruppe von Aktionären. Bei den entstehenden Auswüchsen entstanden zunehmend Paradoxien: Immer weniger Belegschaftsmitglieder erarbeiten immer höhere Betriebsgewinne, Aktienkurse steigen bei Ankündigungen von Entlassungen, die Reallöhne stagnieren oder sinken, während die Vorstandsbezüge immens steigen. Diejenigen, die Arbeit haben, geraten unter immer größeren Stress, während die „Frei-Gesetzten" unter dem Stress der Arbeitslosigkeit leiden. Längere und qualifizierte Ausbildungswege führen zu immer späteren Berufseinstiegen, während die Wirtschaft zunehmend ein Desinteresse an Einstellungen von über 40 jährigen signalisiert. Trotz Rohstoffverknappung setzt die Wirtschaft auf Schnelllebigkeit und Verschleiß ihrer Produkte unter Missachtung menschlicher und natürlicher Ressourcen.

Seit den 60er Jahren führte diese Entwicklung zu einer zunehmenden Entsolidarisierung und Pulverisierung der Gesellschaft. Aus Nachbarn wurden Konkurrenten, aus Bürgern Konsumenten, aus dem Gemeinwohl ein grenzenloser Markt. Der Akzent verlagerte sich vom Sein zum Haben. 1948 nach der Währungsreform waren gut 76% der Bevölkerung zufrieden, 25 Jahre später (1973) bei der gleichen Umfrage noch fast genauso viele, heute wird trotz weiterhin wachsenden Bruttosozialproduktes auf hohem Niveau gejammert und bei vielen Menschen und Gruppen der Gesellschaft wachsen die Zukunftsängste.

Deutschland von außen betrachtet bietet ein verrücktes Bild:

Eine der reichsten Volkswirtschaften, mit an sich besten, nur falsch finanzierten Sozialversicherungen, einer großartigen Infrastruktur und vielen Innovationen und Patenten, ein wunderschönes Land mit viel Kultur und einem friedlichen und ökologischen Gewissen, von seinen Nachbarn zunehmend geachtet, aber im Land selbst wird aus kleinkariertem, parteipolitischem Machtstreben viel Gutes kaputt geredet, Aufbruch zu notwendigen Reformen verpasst oder blockiert, wirtschaftspsychologisch das Gesellschaftsklima verpestet, mit der bewusst in Kauf genommen Folge von self-fullfilling prophecies .

Wie kam es dazu?

In den 60er Jahren entdeckte die Wirtschaft die Jugend als optimalen Absatzmarkt: kauffreudig, schneller Geschmackswandel, bald aus der neuen Kleidung herausgewachsen, Trend bewusst und peer-group abhängig, kurzum, der ideale Markt für immer neue und verrücktere Produkte; dazu kam noch der interessante Faktor „Kundenbindung" für die jeweiligen Hersteller. So wurden die Lehrlinge durch neue Rahmenbedingungen mit mehr Geld ausgestattet. Gleichzeitig wollten auch die Eltern, die in ihrer eigenen Kindheit und Jugend viel entbehren mussten, dass es ihre Kinder einmal besser hätten und sie mit den anderen mithalten konnten. Die Werbung entdeckte ungeahnte Möglichkeiten:

Der Jugendkult war geboren.

Der politisch motivierte Generationskonflikt und emanzipatorische Ansätze von Individualisierung und Selbstverwirklichung in den 60er Jahren wurden von der Werbung aufgegriffen, umbesetzt und vermarktet; so erging es fast allen Jugendprotesten zumal innerhalb der Musikszene: noch nicht als Jugendprotest selbst konsolidiert und schon durch Fremdvermarktung und Erfolgsverheißung der Eigenständigkeit beraubt - letztlich pervertiert. Der gleichzeitige Verfall großfamiliärer Strukturen bis hin zur Kleinfamilie bedeutete für die Wirtschaft eine weitere Vervielfältigung der Absatzmöglichkeiten für Wohnungen, Konsumgüter, Versicherungen.

Die alte Mehrgenerationenfamilie ist sicher nicht zu idealisieren, aber sie war eine leistungsstarke und krisenbewährte Wirtschafts- und Notgemeinschaft, die dafür von allen Beteiligten eine hohe Konfliktfähigkeit, Zusammenarbeit, Sparsamkeit und Solidarität einforderte. Bevor sich die neue bürgerliche Kleinfamilie gesellschaftlich überlebensfähig organisiert hatte, wurde ihre Beziehungsfähigkeit durch zunehmenden Außendruck der aggressiven Normen der materialistischen Konkurrenzgesellschaft immer stärker überfordert, so dass die Scheidungsraten stetig stiegen und der Weg über die verarmende Kleinstfamilie zur neu umworbenen Single-Welt führte.

Politik und Staat kamen nicht nach, die positiven emanzipatorischen Entwicklungen (z.B. die Gleichberechtigung von Frau und Mann ) durch sozialpolitische Rahmenbedingen konstruktiv zu unterstützen und müssen jetzt die kostspieligen Negativfolgen tragen: Alleinerziehende (die alten Sozialhilfeempfänger), Kinderarmut, Schulprobleme, Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit von Familien und Einzelpersonen.

Begleitet wurden diese Entwicklungen durch eine Diffamierung alter Werte wie zum Beispiel: Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliche Tätigkeit, alles sollte nunmehr unter dem Banner sozialen Fortschritts in bezahlte, erwerbswirtschaftliche Tätigkeiten überführt werden nach dem Motto: sei nicht so dumm und mach das nicht umsonst! Und der Staat witterte neue Steuerquellen und diffamierte auch Nachbarschaftshilfe als Schwarzarbeit.

Dass Tätigkeiten Menschen miteinander verbinden und den Beteiligten das Einbringen von Begabungen und Fähigkeiten innere Befriedigung und sozialen Status erfahren lassen, geriet bei diesem materialistischen Denkansatz außer Blick. Gleichzeitig wurde der Beruf zum Job mit einer „Um-zu-Haltung" und die Lebensrhythmen immer mehr der Maschinenauslastung angepasst. Gewonnene Freiräume und Freizeiten wurden sofort wieder von Wirtschaft und Werbung vermarktet und damit entfremdet.

Ein zusätzlicher Faktor beschleunigte noch diese Entwicklung: Je mehr die neuen Medien ihren Siegeszug fortsetzten, desto unauffälliger positionierte die Konsumindustrie mit ihren neuen Werbemöglichkeiten trojanische Pferde in den Privathaushalten und Familien, um neue Bedürfnisse und Begehrlichkeiten zu wecken und bei all dem - zwar öffentlich, aber dennoch unbemerkt -gesellschaftliche Normen und Werte zu verändern. Die Informationsüberflutung machte die Menschen, zumal die Jugendlichen, immer entscheidungsunfähiger und manipulierbarer. Etwas Weiteres kam auf einer anderen Ebene noch hinzu:

Angesichts weiterer Ausdifferenzierungen von Ausbildungswegen fiel es den Jugendlichen zunehmend schwer herauszufinden, was zu ihnen passt und in welchem Beruf sie ihre Begabungen und ihr Leben verwirklichen wollen, zumal die Zahl der praktischen Ausbildungsplätze schrumpfte. Zudem kommen die meisten „wohlgemeinten" Ratschläge der Erwachsenen aus „ Um-zu-Haltungen ».(viel Geld verdienen, scheinbar sichere Arbeitsplätze, Versorgungssicherheit..). Nur selten wird jungen Menschen geholfen, herauszufinden, was ihre „Begabungen" sind und zu welchem Beruf sie sich berufen fühlen, unabhängig von der Marktsituation.

Genau dieses Gemisch bildet die Rahmenbedingungen für das Wachsen von Ängsten. Und so kann es nicht wundern, dass die Selbstmordrate bei der Gruppe der Jugendlichen am höchsten ist, gefolgt von der Gruppe der aus dem erwerbswirtschaftlichen Leben ausscheidenden Rentner. Ein- und Austritt in die bzw. aus der erwerbswirtschaftlichen Lebensphase sind in unserer Gesellschaft am schlechtesten begleitet und wirken sich so auch negativ auf die Zeitspanne der beruflichen Tätigkeit aus. Höher qualifizierte Berufsanfänger sind um die 30 Jahre alt, werden bis um die 40 umworben und bangen ab 45 bis zur Rente um ihren Arbeitsplatz. In dieser kurzen Lebensphase müssen sie alles auf einmal zu Wege bringen: berufliche Kariere, Partnerschaft, Familie, Wohn- und Freizeitwünsche. Je erfolgreicher sie beruflich sind, umso schwieriger wird dieser Balanceakt, je mehr müssen sie um ihre eigene Lebenszeit und innere Selbstbestimmung kämpfen. Für höher qualifizierte Frauen stellt sich dieser Konflikt ohne angemessene gesellschaftliche Unterstützungsmaßnahmen noch schärfer und belastet dadurch die Paarbeziehung besonders stark. Dabei wäre die Gesamtgesellschaft auf Kinder auch gerade aus diesen Schichten angewiesen. Alles muss in diesem extrem kurzen Lebenszeitraum stattfinden, denn später gehört man zum alten Eisen und ist nicht mehr gefragt. Hier wirft die Diffamierung des Alters und die Entsolidarisierung der Gesellschaft bedrückende Negativschlagschatten auf die materialisierten Lebensträume der Erfolgreichen. Das Motto: jung und dynamisch lässt vor den ersten eigenen grauen Haaren und Falten erschrecken und sie meist kosmetisch übertünchen. Aber gerade das Leugnen und Verdrängen des Älterwerdens kostet besonders viel Energie, weil es keinen positiven Lebensentwurf für das Älterwerden und das Alter in unserer Gesellschaft gibt.

Die Erweiterung der Lebenserwartung wird nicht als größter Erfolg unserer Epoche gefeiert, sondern unter dem Stichwort demographische Entwicklung als das bedrohlichste Problem unserer Gesellschaft und Zukunft unangemessen diskutiert und zerredet.

Es ist sicher zutreffend, dass vor allem die neoliberale Wirtschaftsideologie uns in diese Situation hineingeführt hat und außer darwinistischen Marktstrategien keine Wege zur Heilung der zerbrechenden Gesellschaft anzubieten weiß. So aber werden die Entsolidarisierung der Generationen beschleunigt, existentielle Zukunftsängste in allen Lebensphasen genährt und menschliche und natürliche Ressourcen sinnlos verschlissen.

Umso notwendiger wird ein gesellschaftspolitischer Paradigmenwechsel, der auf der Wertegrundlage eines christlich-humanistischen Menschenbildes wieder der Sinnfrage menschlichen Lebens und Handelns Priorität einräumt und damit auch unserer guten demokratischen Verfassung mit der Deklaration von Grundrechten mehr politische Umsetzungschancen ermöglicht. Wenn es nicht gelingt, dem herrschenden Neoliberalismus ein ökosoziales Wirtschaftsmodell mit nachhaltiger Ressourcennutzung entgegenzusetzen, werden wir die Chancen der Globalisierung durch sinnlosen Naturverbrauch und wegen kurzfristiger Gewinne verspielen. Eine weiter beschleunigte Klimaaufheizung mit Zunahme immer häufiger werdenden Umweltkatastrophen und die Förderung von Völkerwanderungen und Terrorismus werden die Folge sein. Der Kampf um die verbleibenden Rohstoffe wird die herkömmlichen Volkswirtschaften durch ungezügelte Börsenspekulationen an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit drängen und zu weiterem Sozialabbau führen, bis wir dem weltweiten, re-importierten Ungerechtigkeitsvirus erliegen. Die USA sind in vieler Hinsicht für diese Entwicklung ein erschreckendes Handlungsbeispiel für sinnloses Wirtschaften mit enorm hohen Ressourcenverschleiß und Umweltbelastungen, aber auch deren Folgen, man denke nur an die diesjährige Hurrikan-Saison und ihre hilflosen Bewältigungsstrategien.

Gesellschaftlicher Paradigmenwechsel

Für uns Alte, die bald die Mehrheit unserer Gesellschaft ausmachen werden, besteht keinerlei Grund, gesenkten Hauptes und voller Ängste in unsere Zukunft zu sehen. Unsere Generation kann stolz darauf sein, in Mitteleuropa keine Kriege um Landerweiterung geführt, wohl aber den Lebenszeitraum in unvorstellbarer Weise erweitert zu haben., so dass zwischen dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben und dem pflegebedürftigen Alter eine neue Lebensphase mit ungeahnten Möglichkeiten entstanden ist.

Diese neu entstandene Generation verfügt über die wertvollsten Ressourcen unserer Gesellschaft: Zeit und Lebenserfahrung und nebenbei auch noch als „Vererber-Generation" über hohe materielle Güter. Dies sind Voraussetzungen, um in unserer Gesellschaft politischen Einfluss zugunsten einer menschenwürdigeren Gesellschaftsstruktur zu nehmen und einen sozialpolitischen Paradigmenwechsel zu initiieren.

Bei all dem wird es in erster Linie um eine gesellschaftspolitische Klimaveränderung gehen: Die entscheidende Frage wird sein, ob wir Älteren uns in unserem Denken, Fühlen und Handeln von stigmatisierenden Vorurteilen bestimmen lassen oder selbstbewusst in der veränderten Lebenssituation die gegenwärtigen Möglichkeiten entdecken und beherzt gestalten. In der Gegenwart liegt die Kraft und die Möglichkeit konstruktiver Veränderung. Es ist das Wesen des Lebens, dass nie etwas so sein wird wie früher, auch im gleichen Fluss fließt immer anderes, neues Wasser! Vergleiche ich mich mit früher, werde ich der Gegenwart nicht gerecht und verpasse die neuen Möglichkeiten. Ich kann nicht mehr so weit springen und so schnell laufen wie früher, aber durch meine Lebenserfahrungen kann ich besonnener und angemessener mit Herausforderungen umgehen und die „Verlangsamung" bedeutet die Möglichkeit vielfältiger Wahrnehmung. Gerade in unserer heutigen Komplexität und Schnelllebigkeit, der Epoche des Rapidismus, bedeutet Entschleunigung die Chance einer nachhaltigen Weltentwicklung.

Solange ich viel Kraft habe, meine ich jede Last in beliebiger Haltung aufheben und tragen zu können, verschleiße aber so sinnlos meinen Körper und muss später die Folgen tragen. Die meisten Krankheiten, die im Alter zu Tage treten, haben Jahrzehnte alte Wurzeln in falschen Lebenseinstellungen der glorifizierten jüngeren Jahre. Wenn ältere Menschen nach einer gelungenen Herzoperation jammern, es werde aber alles nicht wie früher, kann ich nur sagen: es ist gut so, die frühere Lebensführung hat an den Rand des Todes geführt, in ihrem neu geschenkten Leben müssen sie viel verändern!

Das hoch gepriesene Wirtschaftswachstum der so genannten Tigerstaaten beinhaltete die Ursachen für ihre Wirtschaftskrisen. Welche katastrophalen Folgen sich aus dem überhitzen Wirtschaftswachstum Chinas und Indiens weltweit ergeben, ist unabsehbar, sie gefährden aber nicht nur diese Länder, sondern eine nachhaltige, globale Entwicklung.

In zu hoher Geschwindigkeit und Hektik werden irreparable Fehler gemacht. Die ethische Handlungsnorm unsere Zeit lautet: Bedenke die Folgen deines Tuns, und dann entscheide neu! " Jede Lebensphase hat ihre je spezifischen Möglichkeiten, sie gilt es jeweils zu entdecken und zu gestalten. Im Leben geht nichts verloren, alles baut auf einander auf. Das gut im Guten wie im Schlechten. Deswegen ist es für eine bewusste Lebensführung wesentlich, ob privat oder gesellschaftlich, nicht zu vergessen, sondern zu erinnern und bei Fehlentwicklungen durch "Trauerarbeit" Negativhypotheken aufzuarbeiten. Aus diesem Grund habe ich auch meinem Aufruf zum Paradigmenwechsel diese skizzenhaften Vorüberlegungen vorangestellt. Und nun Vorschläge zu gesellschaftspolitischen Veränderungen :

1. Es wird weiterhin eines handlungsfähigen Staates bedürfen, um durch gesetzliche Rahmenbedingungen und sozialpolitischen Ausgleich eine möglichst gerechte, demokratische Gesellschaft zu organisieren und zu gestalten.

2. Hierzu wird er Steuermittel aus der erwerbswirtschaftlichen Phase seiner Bürger für seine Aufgaben benötigen. In diesem Zusammenhang wird nun eine wesentliche Veränderung erforderlich: Entkoppelung der Finanzierung der Sozialsysteme von dem einzelnen Arbeitnehmer / Arbeitsplatz hin zu einer Finanzierung, die auf das erwirtschafte Bruttosozialprodukt bezogen wird. Einzelfragen wären anderenorts zu klären.

3. Das Leben seiner Bürger wird in unterschiedlichen Lebensphasen auch unterschiedlich organisiert. Hier sind in allen Phasen grundsätzliche Korrekturen vorzunehmen, die unsere derzeitige materialistische und kapitalistische Alltagspraxis zugunsten einer nachhaltigen, ökosozialen Wirtschaftsstruktur hin umgestaltet.

Obwohl alles miteinander zusammenhängt, meine ich, dass die Neuorganisation der nacherwerbswirtschaftlichen Phase sich unabhängig von all den anderen Reformen gestalten ließe und gleichzeitig für eine Humanisierung und Demokratisierung unserer Gesellschaft wesentliche Impulse freisetzen würde.

Im Einzelnen:

Da fast alle Bürger nach dem Ausscheiden aus der erwerbswirtschaftlichen Arbeitswelt zumindest eine Grundsicherung ihres Lebensalltags haben, könnten sie in eine neue, selbst bestimmte Lebensphase eintreten, die in einem zentralen Punkt einen Paradigmenwechsel vornimmt: Wird in der Erwerbswirtschaft jede unterschiedliche Arbeit und Dienstleistung unterschiedlich hoch mit G e l d vergütet, so soll nun jenseits der erwerbswirtschaftlichen Lebensphase nur noch geleistete Arbeits-Zeit gegen in Anspruch genommene Arbeits-Zeit getauscht werden können, d. h. jeder, der für die Gesellschaft noch etwas tut, bekommt die Zeit seines Einsatzes auf seinem Zeitkonto gutgeschrieben, von dem er jederzeit, in der Gegenwart oder in seiner nächsten Lebensphase des hohen Alters und der Pflegebedürftigkeit Dienstleistungsstunden kostenlos abbuchen kann. Diese Zeitkonten müssten von Sozialverbänden z.B. Diakonischem Werk, Caritas oder AWO, geführt und verwalten werden, natürlich auch nur durch Dienstleistungen dieser Generation, so dass dem Staat oder dem Verband außer gewissen Sachleistungen keine Personalkosten entstehen würden. Die Stunde einer Putzfrau und die eines Managers würden gleich bewertet - Lebenszeit gegen Lebenszeit. Vieles, was jetzt aus finanziellen Gründen in Pflege und Betreuung älterer und kranker Menschen über die abrechenbaren und erstattungsfähigen Leistungen nicht leistbar ist, könnte auf diese Weise den betroffenen Menschen wieder zugute kommen, ihre Würde wiederherstellen und zu einem angstfreien, sinnvollen Altern betragen.

Beide Seiten, Helfer und Empfänger solchen Umgangs hätten in vielfältiger Form etwas von solchen Einsätzen: den Helfenden gäbe es Qualitäten wie erfahrbaren Lebenssinn, Sozialkontakte, Status und nicht zuletzt HOFFNUNG für das eigene Älterwerden, aber auch eine reale, selbstgestaltbare Sozialversicherung. Ein gegenwärtig sinnerfülltes Leben würde zum Garant einer menschenwürdigen Zukunft. An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass bei solchen geldfreien Einsätzen die Frage des Geben und Nehmens auf unterschiedlichen Ebenen wechselseitig erfolgt. Menschen, die in ehrenamtlichen Bereichen tätig sind, machen immer wieder diese Erfahrungen. Die so genannte Rentner-Depression mit vielen gesundheitlichen Folgeschäden und Dauerkosten könnte ursächlich überwunden werden. Das Zerrbild sinnentleerten Alters würde widerlegt und verschwinden und damit auch viel Druck von der mittleren, erwerbswirtschaftlich arbeitenden Generation nehmen.

Die Aussicht auf eine Lebensphase ohne Zeitstress und fremdbestimmte Abläufe, an eigenen Begabungen und Fähigkeiten orientiert, könnte möglicherweise unterstützt durch Arbeitsteilzeitmodelle am Ende erwerbswirtschaftlichen Phase die Zeit zischen 50 und 65 Jahren viel menschliche Ressourcen erhalten, die den Betroffenen, ihren Familien und der Erziehung der heranwachsenden Kinder zugute kämen. Für alle Beteiligten, würde Negativdruck aus ihren Umbruchsphasen (Pubertät und Midlife-Krise) genommen und Raum für Sinnsuche und neue Rollenfindung entstehen. Beide Generationen könnten parallel und solidarisch ihre je eigenen Lebensveränderungen positiv gestalten lernen, weil die folgende Lebensphase erstrebenswert ist und auch durch die dann neu gestaltete letzte Phase des Alters nicht abgeschreckt wird. In der nacherwerbswirtschaftlichen Lebensphase könnte, abgesichert durch Grundversicherungen, eine hohe, sonst nicht finanzierbare Lebensqualität gestaltet werden, die gesellschaftliche Partizipation ermöglicht und damit zur Festigung demokratischer Strukturen verhilft. Der Staat könnte bestimmen, welche zur Zeit unbezahlbaren Aufgaben im ökosozialen und bildungspolitischen Bereich von dieser Generation mitgetragen und ermöglicht werden sollten, um die Gesamtqualität unseres Gemeinwesens zu verbessern und so unsere spezifische demographische Struktur im Wettbewerb mit den so genannten jüngeren Gesellschaften konstruktiv zu nutzen! Für diese Dienstleistungen würde der Saat seinerseits als Bürge für die Zeitkontengarantie der Verbände dienen, um bei „Zahlungsunfähigkeit" angesammelter Zeitguthaben durch die Finanzierung von Zeitverträgen für derzeit Arbeitslose einzuspringen.

Durch eine solche Regelung würde ein mehrfach positiver Effekt erreicht: Vertrauen in die Zeitkontenregelung und gegebenenfalls reguläre Beschäftigung für Arbeitslose mit neutralen Kosten für den Staat, da in solchem Fall die sonst erforderliche Zahlung von Arbeitslosengeldern entfällt und der Staat kostenfreie Leistungen der Empfängergeneration bereits vorher schon erhalten hat. Das ganze wäre ein kostenneutraler, wechselseitiger Solidarbeitrag aller Lebensgenerationen für einander. Auf diese Weise könnte auch der unangemessen hohe Druck, der auf der mittleren Generation lastet, abgebaut werden durch Verbesserung der Kinderbetreuung im Kindergarten- und Schulbereich. Außerdem könnten sonst unbezahlbare Projekte im Umweltbereich für Zeitkontenhonorierung geöffnet werden, wobei darauf zu achten wäre, dass keine erwerbswirtschaftlich organisierten Felder abgebaut würden.

Nur im „Korridor" jenseits der Erwerbswirtschaft sollen sich für die Betroffenen alle Dienstleistungen geldfrei tauschen lasen.

Natürlich soll es jeder Person dieser Generation freistehen, wie sie diese neue Lebensphase für sich organisieren will: herkömmlich als Freiberufler oder Unternehmer, der seine Leistungen gegen Rechnung anbietet und versteuert oder im neuen Rahmen eines geldfreien Zeitkontensystems oder in einem Mischsystem.

Wobei das geldfreie Tauschen von Zeit und Fähigkeiten noch einmal eine zusätzliche Dimension gleichrangiger, menschlicher Begegnung ermöglichen würde mit einer neuen Lebensqualität. Aber ab einem solchen Lebensalter sollte ein jeder über seine Lebens- und Zukunftsgestaltung selbst entscheiden, wie er sein Älterwerden gestalten will, ob so lange wie möglich zuhause versorgt oder aber in dem preisgünstigsten Altenheim mit Mehrbettzimmern und unterstem Pflegesatz. Bisher gibt es in unserer Gesellschaft für die meisten älteren Menschen zwei schmerzhafte soziale Amputationen:

1. Beim zwangsweisen Ausscheiden aus dem Berufsleben gehen sehr viele und bis dahin für das eigene Selbstwertgefühl wichtige Beziehungen und selbstverständlichen Sozialkontakte verloren, das „soziale Atom" der Persönlichkeit wird radikal verkleinert, d . h . die Person muss ein neues inneres Gleichgewicht finden, viele professionelle Bezugspartner bleiben unersetzbar. Professionelle Begabungen und Fähigkeiten, die lange Jahre den Tag über eine Rolle spielten, sind nicht mehr gefragt. Viele Menschen werden in dieser Umbruchsphase seelisch krank, und oft sind die Lebenspartner überfordert, den Verlust der beruflichen Kontakte und Zufriedenheit im Privaten aufzufangen.

2. Beim Umzug in ein Altersheim muss die eigene Wohnung, das Zuhause aufgegeben werden, d.h. die Räume, die Möbel, die Bilder erinnern nicht mehr an die eigene Geschichte, zudem geht der alltägliche Kontakt zu Nachbarn und Bekannten verloren, genauso die bis dahin noch selbstständig erreichbaren Ziele, der Einkaufsladen, die Kirchengemeinde. In dem Altersheim ist zunächst alles neu und fremd, das Zimmer, die Menschen, die Ordnungen, die wechselnden Bezugspersonen. All diese Umstände verunsichern und schaffen Abhängigkeitsgefühle und Hospitalisierungseffekte, zumal, wenn dieser Schritt spät und ungewollt geschieht.

In unserer Gesellschaft ist dieses Problem bekannt und es gibt vielerorts modellhafte Versuche, menschenwürdiges Altern zu unterstützen und vor Ort zu organisieren. Ich denke, all das ist wichtig und hilfreich, doch es ist endlich an der Zeit, ein gesamtgesellschaftliches Modell zu entwickeln, um unsere Demokratie mit Partizipation am Erwirtschaften und Verteilen des Bruttosozialproduktes nicht weiter auszuhöhlen und zu gefährden. Ohne einen Paradigmenwechsel wird es keine Lösung der aufgelaufenen Probleme geben, alles Herumlaborieren am längst überholten Finanzierungssystem unserer Sozialversicherungen, verspielt wertvolle Zeit und menschliche Ressourcen!

Ich vertraue darauf, dass meine Generation nach ihrer erwerbswirtschaftlichen Lebensphase noch genügend Potentiale, Erfahrungen aus früheren politischen Kämpfen und gegenwärtige Entschlossenheit hat, ein menschenwürdiges Altern zu fordern und zu organisieren - in eigener Betroffenheit und zum Wohl der Gesamtgesellschaft. Wir werden eine der einflussreichsten Wählergruppen sein, dieses sollten wir den Parteien zu spüren geben!

Für ernsthafte Reformen brauchen sie unsere Unterstützung, als Gegenpol zur allgegenwärtigen Wirtschaftslobby.

Download

Impressum: Burkhard Zeunert, Oberlinspher Mühle, 59969 Bromskirchen, Telefon: 02984–919265, Fax: –9199877,
eMail: info@weg-gemeinschaft-im-alter.de Internet: www.weg-gemeinschaft-im-alter.de