Weiterbildung im demographischen Wandel

Konzeptionelles Arbeitspapier Burkhard Zeunert
 (28.02.08)

Vorüberlegungen
In einer Gesellschaft des lebenslangen Lernens sind angemessene Bildungsangebote von besonderer Bedeutung.  Die Leistungsfähigkeit einer modernen Gesellschaft im internationalen Vergleich hängt nicht in erster Linie von einigen wenigen Spitzenwissenschaftlern, sondern vorrangig von dem Bildungsniveau der Gesamtgesellschaft ab. Die Agentur für Arbeit entwickelt daher für die erwerbswirtschaftliche Lebensspanne immer neue Qualifizierungsangebote. In dieser Lebensphase der Menschen sind zielführende Ausbildungsqualifizierungen angebracht.
Um aber ein möglichst hohes Bildungsniveau der Gesamtgesellschaft zu erreichen, ist die Grundvoraussetzung, ein den Altersstufen entsprechendes, breites Bildungsangebot vorzuschalten.  Hier gilt es, die Erfahrungen der 60er und 70er Jahre ernst zu nehmen, dass die sogenannte „Frühförderung“ im Vorschulalter, die vornehmlich auf die vorgezogene Entwicklung von Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen fokussierte, nur in den ersten beiden Grundschuljahren den Kindern einen Vorsprung vermittelte, dann aber das zu eng angelegte Lernplateau offenbarte.  Dagegen war es für Kinder, deren kreative und soziale Intelligenz ihren Entwicklungsphasen entsprechend gefördert worden war, ein Leichtes, die „technischen Fertigkeiten“ sich altersgemäß in kurzer Zeit anzueignen.  Je breiter die Bildungsbasis angelegt wird, umso erfolgreicher lassen sich Spezialisierungen und Berufsausbildungen darauf aufbauen.
In diesem Zusammenhang sei auf die nicht ungefährlichen Nebenwirkungen der „Pisastudien“ hingewiesen, da durch vergleichende Ranglisten von Fertigkeiten einzelner Bildungsinhalte der Blick auf ein besseres Abschneiden in einzelnen Fächern ausgerichtet wird, nicht aber unbedingt zu einem zeitgemäßen Gesamtbildungskonzept führt, um die Herausforderungen des Lebens in der Globalisierung zu bewältigen.
Schon in den frühen 80er Jahren ist auf Druck der Wirtschaft unter der Regierung Kohl eine Umsteuerung von Bildung zu Ausbildung hin vorgenommen worden.  Der Siegeszug des durch Ronald Reagens neoliberalen Interventionen falsch gesteuerten Globalisierungsprozesses wirft ähnliche Schatten auf die von der EU vor 9 Jahren beschlossene Vereinheitlichung der Studienabschlüsse.
Auch hier sehe ich bei allen einleuchtenden Vorteilen die Gefahr, dass der mitteleuropäische, universitärere Bildungsansatz mit seinem humanistischen Menschenbild verloren geht.  Die Steigerung von Effektivität und Effizienz im Bildungszusammenhang wird für die Menschheit nur dann hilfreich sein, wenn sie in Rahmen ganzheitlichen Denkens zur Stellung der Sinn- und Verantwortungsfrage in allen Bereichen befähigt.  Daran werden sich auch die neuen Eliteuniversitäten messen lassen müssen.  Gleichzeitig wird darauf zu achten sein, dass der Gesamtbildungsetat wesentlich aufgestockt wird, damit die restlichen Universitäten ihren Bildungsauftrag zur Qualifizierung möglichst vieler Menschen nachkommen können, damit das Gesamtbildungsniveau und so die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft insgesamt steigen.  Nur dann werden wir unsere Chance als konstruktiven Beitrag im Umsteuerungsprozess der Globalisierung wahrnehmen können.
Im Schulbildungsbereich müssen hierfür die Grundlagen gelegt werden.  Es wird um Befähigung zu ganzheitlichem Denken, Kooperations- und Verantwortungsbereitschaft und kreativer Gestaltungsfähigkeit gehen; die „Reifeprüfung“ sollte bescheinigen können, dass die Schulzeit die jungen Erwachsenen zu „Lebensunternehmern“ befähigt hat.  Die dafür erforderlichen Grundlagen gilt es unter dem Gesichtspunkt des demographischen Wandels neu zu konzipieren.
Welche Hypothek es für Grundschulen ist, nicht oder nur unzureichend sozialisierte und emotional gereifte Kinder zu unterrichten, ist offenkundig.  Versäumnisse unserer Gesellschaft und der Eltern (z.B. ADS-Syndrom), Migrationsprobleme, Reizüberflutung etc. lassen sich meist schon nicht mehr im Kindergarten aufarbeiten oder sozialverträglich mildern; sie belasten und schwächen die weiteren Bildungseinrichtungen und den jeweiligen Lebensweg der heranwachsenden Menschen.  Zur Lösung dieser Aufgaben wird für unsere Gesellschaft wichtig sein, vorhandene Ressourcen weiterzuqualifizieren und neu ins Spiel zu bringen.
Hier könnte der gesellschaftliche Auftrag für Qualifizierungen jenseits der Erwerbswirtschaft hergeleitet werden, der über das zwar individuell fördernde und Sinn stiftende Bildungsangebot von VHS und Universität hinausgeht, eine neue Grundlage für eine Alterskultur legt und dem einzelnen zu einer neuen gesellschaftlichen Rollenfindung als „change agent“ für seine weiteren Lebensphasen verhilft.
Bei der Entwicklung und Ausgestaltung einer neuen Alterskultur geht es um die Organisation von Lernangeboten, die den jeweiligen Lebensphasen angepasst sind, auf frühere Qualifizierungen und praktische Lebenserfahrungen der Menschen methodisch und didaktisch aufbauen, den vielseitigen Aspekten des demografischen Wandels Rechnung tragen und die durch Weiterbildung neu erschlossenen Ressourcen reifer Menschen für die Gesamtgesellschaft neu ins Spiel bringen.
Ein Arbeitstitel für ein solch neues Berufsbild könnte lauten:
Soziale Netzwerkarbeit im demographischen Wandel“,
ein weiterer   „Entwicklungsgestalter für eine neue Zivilgesellschaft und Alterskultur“.
Es wird dabei nicht allein um die Öffnung der Universität für Ältere gehen; das gibt es schon.  Die Qualifizierung von Menschen jenseits der Erwerbswirtschaft, ob von Arbeitslosen oder Rentnern/Pensionären wird eher der Lernkultur von Fernuniversitäten oder einem Weiterbildungskurrikulum von Instituten entsprechen.
Qualifizierung muss die privaten Lebensumstände der Lernwilligen ernst nehmen (Familie, zeitliche Abkömmlichkeit, räumliche Entfernung, andere Wertschätzung von Zeit); diese Lernenden sind nicht mit Studierenden vergleichbar!
In der neuen Qualifizierungsphase wird es darum gehen, aus dem Spannungsfeld unterschiedlicher Rollen:  Lebenserfahrung – vorhandener beruflicher Professionalität – neue Lernsituation eine sich potenzierende Lerndynamik mit möglichst viel Transferstruktur aufzubauen.
Hierbei könnte man sowohl bei der Organisation von Fernstudiengängen als auch in besonderer Weise beim Aufbau von Weiterbildungsangeboten förderliche Strukturen finden.
Auf Grund meiner Erfahrungen bei der Etablierung und Durchführung unterschiedlicher Weiterbildungsgänge im sozialen Bereich  (siehe Anhang)  möchte ich das Augenmerk auf folgende Punkte richten:

  1. Begrenzte Teilnehmerzahl  für den Weiterbildungsgang
  2. Achten auf  heterogene Zusammensetzung
  3. Erhebung der Gruppenressourcen und des Gruppenpotentials
  4. Selbstorganisation des Lernprozesses
  5. Was wissen wir -  individuell und als Gruppe?

Welche Kompetenzen fehlen uns für das neue Berufsbild?

  1. Bildung von verbindlichen, selbst gewählten Lerngruppen
  2. welche Lernangebote (fremde oder durch Gruppenmitglieder) sind erforderlich?
  3. Wie müssen wir lernen?
  4. Welche Feldkompetenzen müssen wir erwerben?
  5. Welche Beratungskompetenzen müssen erworben und trainiert werden?
  6. Erstellen von Projekten unter Praxisanleitung oder Supervision
  7. Abschlussarbeit als Praxis reflektierende Darstellung des durchgeführten Projektes

Vorgeschrieben wären eine bestimmte Stundenzahl jeweils für Selbststudium von vorgegebener Literatur und Studienbriefen, für Lerngruppentreffen (mit Protokollen) und für Kurswochen. Es wäre zu prüfen, in wieweit einzelne universitäre Bereiche daran interessiert wären, neue Kompaktseminarmodelle zu entwickeln, in denen die unterschiedlichen Bildungs- und Altersstufen mit ihren jeweiligen Ressourcen zur gemeinsamen Perspektiverweiterung in einen fruchtbaren Dialog gebracht werden könnten.  Es handelt sich um die Bereiche:
       Ganzheitliches Menschenbild               soziale Gruppenarbeit                 Kommunikation.
Neben der Entwicklung neuer Module, angemessener Lernstrukturen und Lernformen müssten weitere außeruniversitäre Kooperationspartner gefunden werden.
Für die Kompetenzentwicklung (Beratungskompetenz) eines sozialen Netzwerkers halte ich folgende Stichworte für wichtig:
Ganzheitliches Menschenbild:

  1. Evolutionsgeschichte
  2. Ökologie: Lebewesen unter Lebewesen
  3. Anthropologie/Kulturgeschichte
  4. Bedeutung on Religion und Spiritualität
  5. Würdigung des Gewordenen:  individuell / geschichtlich / Tradition
  6. Probleme von Multi-Kulti und Migration
  7. Psychologie der Angst ( vor Neuem etc. ), Umgang mit Andersartigkeit
  8. Der Mensch als Gestalter und Unternehmer seines Lebens
  9. Begabung  -  Verantwortung
  10. Eine Menschheit und der neue Platz im globalen Dorf
  11. Gestaltung der Globalisierung
  12. demographischer Wandel, Herausforderungen / Chancen einer neuen Zivilgesellschaft
  13. Rapidismus und Entschleunigung

Soziale Gruppenarbeit:

  1. Soziologie der Gruppe
  2. Politische Institutionen
  3. Strukturbildung von Gruppen / Dörfern / Städten / Regionen
  4. Mehrgenerationenarbeit
  5. Umgang mit Bestehenden Strukturen (Vereinen, Institutionen); Vereinsrecht
  6. Profilierung und Institutionalisierung von Ideen
  7. Der Weg von Not zu Not - Wendigkeit und selbst organisierter Hilfe
  8. Systemische Lösungsstrategien: “als ob“, „im schlimmsten Fall“ (P. Watzlawick)
  9. Integrationsarbeit / Randgruppenarbeit
  10. Rollentheorie / Rollenfindung / Geschlechterrollen
  11. Gesellschaftlicher Wandel, „6-Generationen-Gesellschaft“, neue Zivilgesellschaft
  12. Neue Verschränkung von „Not“ und von Potentialen quer durch die Generationen

Kommunikation:

  1. Moderation
  2. Leitung von Gruppen
  3. Vernetzung von Gruppen und Dachorganisationen
  4. Dokumentation, Selbstdarstellung real und virtuell, Öffentlichkeitsarbeit
  5. Marketing, Spendenwerbung
  6. Umgang mit Behörden und Politikern
  7. Befähigung zum Erschließen von Ressourcen
  8. Erstellung von Kooperationsmodellen

Diese Beratungskompetenzen können mit unterschiedlichen Feldkompetenzen gekoppelt werden, je nach beruflicher Vorerfahrung.  Besonders wünschenswert wäre es, wenn derartige soziale Netzwerker in den Bereichen der Familienförderung und frühkindlichen Bildung örtliche Entwicklungsdienste und Selbsthilfegruppen organisieren würden.
So könnte nach dem Zerfall der Mehrgenerationenfamilie die neue Zivilgesellschaft durch die Entwicklung einer Alterskultur generationsübergreifend sozial und wertorientiert neu aufgebaut und ein tragfähiges gesamtgesellschaftliches Bildungskonzept installiert werden.
Hierdurch würden die Ressourcen des Alters in einem ganzheitlichen Gesellschaftsprozess zur Überwindung der lebensbedrohlichen, materialistischen Globalisierung beitragen können.  So könnte vor Ort schrittweise dem vorherrschenden, kostspieligen Aktionismus, der immer wieder nur Symptome bekämpft, ein ganzheitliches Modell zum Aufbau einer neuen Zivilgesellschaft entgegengestellt werden, die durch Bildungsarbeit ursächliche Veränderungsprozesse einleitet.
Anhang:
Projektbeispiele aus den 70er Jahren im Rahmen meiner Gemeindearbeit als Pfarrer
Neben thematischen Einzelveranstaltungen zu Erziehungsfragen und begleitender Elternarbeit im Rahmen der Kindergartenarbeit, waren wir (3 Pfarrstellen) in unserer Gemeinde bemüht, die Eltern gleichaltriger Kinder möglichst früh miteinander zu vernetzen.  Hierzu luden wir die Eltern, die im zurückliegenden Jahr ihre Kinder bei uns hatten taufen lassen, mit einem kleinen, informativen Faltblatt zu 4 Abendveranstaltungen in vierzehntägigem Abstand zu Jahresbeginn ein.  Bei den Taufgesprächen wurde über den Sinn und die Arbeitsweise dieser Seminare gesprochen und auf die später folgende Einladung hingewiesen, der dann zwischen 40% und 60% der angesprochenen Eltern folgten.
Die Abende wurden von uns 3 Pfarrern methodisch, didaktisch und praktisch vorbereitet und begannen nach einer kurzen Einführung mit einem ausführlichen Abendessen und lebhaften Gesprächen an Sechsertischen.  Danach schrieben die Eltern ihre Fragen auf je ein Kartonpapier und stellten sich mit ihren Fragen der Gesamtgruppe vor.  Wir sortierten sie nach Themengruppen, heften sie an 3 Stellwände und ließen die Eltern sich bei ihrem favorisierten Themenkreis einfinden.  Danach gewichteten die Eltern unter Anleitung die Fragen und nahmen sich ihre 3 wichtigsten Fragen für den Abend in die terminierte Kleingruppenarbeit mit.  Im abschließenden Plenum informierten sich die Eltern über die Gespräche und Ergebnisse; ebenso wurde eine Vorbereitungsgruppe für das nächste Abendessen zusammengestellt.
Es gab kirchlicherseits keine Themenvorgabe; es wurden nur Elternfragen zu ihrer neuen Elternrolle, zur neuen Gewichtung innerhalb der Partnerschaft, zur Berufspause der Frauen, zu Erziehungsfragen oder der Wohnsituation bearbeitet.  Nebenbei fanden sich Gleichgesinnte, die sich besuchten, entlasteten und zu Unternehmungen verabredeten.
Manche Mütter stellten ihre beruflichen Fähigkeiten für Gruppenangebote zur Verfügung.  So entstanden ortsnahe Schwangerschaftsgruppen, Babyturnen für Mutter und Kind in Räumen unseres Werkskindergartens, eine selbstgeführte „Teestube“ als Treffmöglichkeit mit Tee- und Kaffeemaschine.  Manche Gruppen führten, je nach eigenem Gruppenpotential, monatliche, thematische Treffen in ihren neuen Räumen des Kindergartens durch (alte Gruppenräume des verkleinerten ehemaligen Zechenkindergartens, die in Eigenarbeit zu einem Turnraum mit Matten und einem Gesprächsraum umgebaut wurden.  Dabei konnten sie unsere organisatorische Hilfe, z.B. bei Referentenbeschaffung oder dergleichen, über ihre Sprecherin nachfragen, ansonsten aber selbstgestaltet fortfahren.
Der Kerngedanke dieser Arbeit war: Es gibt Menschen mit gleichen Erfahrungen, Fragen und Problemen.  Die Kirchengemeinde hat Raumangebote und Möglichkeiten.  Man muss nur beides miteinander ins Spiel bringen!  Außerdem: Je früher Eltern und Familien bei der Erziehung ihrer Kinder unterstützt werden, umso hoffnungsvoller weitet sich das Leben der Kinder.  Dies war der konkrete, gemeindliche Beitrag zur Sinngebung der Kindertaufpraxis.
In diesen Zusammenhang gehörten auch weitere Initiativen.  Örtliche Weiterbildungsangebote und Schulungen der Kindergartenarbeit, gemeinsame Erarbeitung von Schwerpunktkurrikula, Supervision, Zusammenarbeit zwischen ErzieherInnen, GrundschullehrerInnen und Konfirmanden in gemeinsamen Projektgruppen, „Spielen & Lernen“ für „Unterschicht“-Kinder.
Zur Frühförderung von Kindern wurde von unserem Kantor eine Kindermusikschule aufgebaut, von einem jungen Künstler eine Malschule mit Angeboten für Kinder und Eltern. Jährliche Familienfreizeiten am Meer ergänzten und vertieften die Familienarbeit.  So wurden die Potentiale der vor Ort lebenden Menschen mit- und füreinander zu aller Nutzen ins Spiel gebracht und lebendige, tragfähige Kontakte initiiert.
War das Ruhrgebiet seit Generationen ein kultureller Schmelztiegel, so taten sich Deutsche und Türken im Zusammenleben schwer.  Elementare Sprachförderung für türkische Kinder ein halbes Jahr vor ihrer Einschulung in einer Nachmittagsgruppe des Kindergartens war ein Einstieg.  Je weiter gespannt und erfolgreicher die nicht vereinnahmende Integrationsarbeit für türkische Familien war (Kirchenland für eigene Gärten, türkische Mitarbeiter im Kindergarten, gemeinsam ausgebaute, selbstverwaltete Räume im alten Werkskindergarten), desto mehr geriet sie ins Visier des „Kalifen von Köln“ und zerbrach schließlich an von außen hereingetragenen Spannungen.

 

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